Losen statt Wählen

reybrouck--against-elections-verlagscoverVor drei Jahren schon hat der belgische Autor (und Historiker, Ärchäologe und Ethnologe) David Van Reybrouck ein tolles Buch über die demokratische Methode der Auslosung geschrieben: „Tegen verkiezingen“. Nun ist es fast zeitgleich auf Englisch und Deutsch erschienen: Against Elections – Gegen Wahlen. Das schnöne: Dank seines Promistatus konnte Reybrouck so ein wichtiges Feld der Demokratiereform in die Massenmedien bringen, denn Spiegel, Süddeutsche, Welt etc. standen alle sofort parat und haben rezensiert bzw. Interviews geführt (Linksammlung).

Wir verweisen darauf, dass es zur „Losdemokratie“ schon allerhand Schriften gibt – eine kleine Auswahl haben wir auf unserer Literaturseite gesammelt.

Reybrouck meint es sicherlich ernst mit der aleatorischen Demokratie – er schlägt ein ausgearbeitetes Modell vor, das im Wesentlichen auf Terrill Bouricius basiert. Für die meisten Journalisten, die sich damit beschäftigen müssen, scheint es hingegen mehr eine intellektuelle Übung zu sein: die Möglichkeit, das parlamentarisch-repräsentative System des Westens mit seiner alles Beherrschenden Macht der politischen Parteien könnte nicht das Ende der humanen Evolution sein, wird überwiegend nicht gesehen.

Spätestens, wenn es eigentlich um die Frage gehen müsste, wie man denn aleatorische Demokratie einführen bzw. erstmal ausprobieren könnte, endet das Rechercheinteresse der Medien. Mal kurz über die Historie des Auslosens kann man ja sprechen, ein wenig Kritik an diesem und jenem üben – aber dann muss man doch auf alle Fälle so weitermachen wie bisher. Losverfahren könnte man zunächst in vielen bisher per Delegation beschickten Gremien erproben. Überall dort, wo eigentlich (nach der Theorie) „die Bürger“ beteiligt werden sollen, de facto aber irgendwelche austauschbaren Funktionäre hocken, könnte das Los Institutionen reformieren. Etwa in den Rundfunkräten, die das öffentlich-rechtliche System legitimieren sollen, es aber zu einer staatstragenden Behörde gemacht haben.  Oder wenn „Kommissionen“ Änderungen am Wahlrecht oder bei der Politikerbezahlung eruieren sollen –  da wären „staatsferne“ Bürgerlosgremien ideal geeignet (so hat es u.a. Hubertus Buchstein vorgeschlagen). Große Vereine/ Verbände könnten die Auslosung von parlamentarischen Gremien in ihrer eigenen Struktur erproben und so zu Demokratiewerkstätten werden, allen vorweg die Kirchen als öffentlich-rechtliche Körperschaften mit eigener Gesetzgebungskompetenz.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, mit aleatorischer Demokratie zu beginnen, – ohne gleich am ganz großen Rad zu drehen. Auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, neue Ideen zu entwickeln. Politiker und Journalisten wären glaubwürdiger, wenn sie solche Experimente unterstützten, anstatt unverhohlen öffentlich um ihren privaten Besitzstand zu fürchten, ihre Macht, ihre Deutungshoheit. (Tg)

 

Advertisements